Weibliche Führungskräfte: „Zu streng?“ – Klischee oder Realität?
„Mit weiblichen Führungskräften arbeite ich ungern, die sind so streng.“ – Ein Satz, der viel verrät. Nicht über Frauen in Führung, sondern darüber, wie wir sie wahrnehmen. Und warum das so ist.
Warum starke Frauen oft als streng wahrgenommen werden
Neulich hat ein Mann zu mir gesagt: „Weibliche Führungskräfte sind so streng und manchmal richtig bissig, mit denen mag ich nicht arbeiten.“ Genau solche Aussagen zeigen, wo wir beim Thema Frauen in Führung heute noch immer stehen.
Klarheit gilt bei Männern oft als Stärke, bei Frauen dagegen schnell als Härte oder Zickigkeit.
Ich habe ihn angeschaut und musste innerlich kurz lachen, weil in diesem einen Satz so viel drinsteckt, dass man eigentlich ein ganzes Buch darüber schreiben könnte. Gleichzeitig habe ich mir gedacht: Spannend, wirklich spannend.
Ich verstehe sogar, was er meint, und ich nehme mich da nicht aus. Auch ich habe mir das bei manchen weiblichen Führungskräften auch schon gedacht. (bei Männern aber auch ;-))
Ja, viele weibliche Führungskräfte wirken streng, manchmal sehr streng, klar, fokussiert, wenig Spielraum nach oben oder unten. Das ist keine Einbildung und auch kein Klischee, das komplett aus der Luft gegriffen ist. Das ist etwas, das man beobachten kann, wenn man ehrlich hinschaut.
Aber die eigentliche Frage ist doch nicht, ob sie so wirken, sondern warum sie so wirken, und genau da wird es interessant. Plötzlich kratzen wir dann nicht mehr an der Oberfläche, sondern gehen tiefer.
Frauen in Führungspositionen sind nicht irgendwann aufgewacht und haben beschlossen, dass sie jetzt besonders streng, besonders hart und möglichst unangreifbar sein wollen. Sie sind über Jahre hinweg in ein System hineingewachsen, in dem sie sich permanent beweisen mussten, oft mehr als ihre männlichen Kollegen. Sie wurden genauer beobachtet, schneller bewertet, und das macht etwas mit dir.
Wenn du immer das Gefühl hast, du musst besser vorbereitet sein, klarer argumentieren, weniger Fehler machen dürfen, dann entwickelst du automatisch eine innere Anspannung, eine Wachsamkeit, die dich schützt, aber dich auch verändert.
Und irgendwann ziehst du dir eine Rüstung an, weil du merkst, dass es einfacher wird, wenn du weniger Angriffsfläche bietest, wenn du weniger Emotion zeigst, schneller auf den Punkt kommst und weniger Raum für Diskussionen lässt.
Das Problem ist nur: Diese Rüstung bleibt irgendwann nicht mehr nur im Meeting, sie bleibt an dir hängen. Sie wird Teil deines Auftretens, deiner Sprache, deiner Wirkung, und plötzlich wirst du als „streng“ wahrgenommen, obwohl du eigentlich nur gelernt hast, dich in einem bestimmten Umfeld zu behaupten.
Zu weich für Macht. Zu klar für Sympathie.
Und dann kommt noch etwas dazu, was man nicht ignorieren kann: die Wahrnehmung von außen.
Wenn ein Mann klar ist, Entscheidungen trifft, Grenzen setzt und nicht lange diskutiert, dann wird er als durchsetzungsstark wahrgenommen, als jemand, der weiß, was er will.
Wenn eine Frau genau dasselbe tut, dann wird es plötzlich anders eingeordnet. Dann ist sie streng, schwierig oder unangenehm. Genau hier beginnt diese feine, aber entscheidende Verschiebung, die viele Frauen in Führung irgendwann spüren, auch wenn sie sie nicht immer benennen können.
Studien zeigen seit Jahren, dass weibliche Führungskräfte oft in einem klassischen „Double Bind“ stecken: Sie sollen gleichzeitig kompetent, klar und durchsetzungsstark sein, dabei aber bitte trotzdem sympathisch und weich wirken. Genau dieser Spagat macht weibliche Führung für viele so anstrengend. (hiergeht es zu einer Studie)
Und ja, das ist nicht fair, aber es ist Realität, und mit dieser Realität muss man umgehen, ob man will oder nicht.
Gleichzeitig wäre es zu einfach, jetzt nur mit dem Finger auf Männer zu zeigen und zu sagen, sie sind schuld an dieser Wahrnehmung. So klar ist es nicht, weil viele Frauen diese Muster irgendwann selbst übernommen haben.
Sie haben gelernt, dass Härte funktioniert, dass Klarheit schneller akzeptiert wird, dass Emotionen manchmal gegen sie verwendet werden, und irgendwann wird aus dieser Strategie eine Gewohnheit, die sie gar nicht mehr hinterfragen.
Stärke braucht keine Rüstung
Und genau hier liegt der Knackpunkt, weil es nämlich einen Unterschied gibt zwischen Stärke und Härte, auch wenn das oft in einen Topf geworfen wird.
Stärke hat nichts mit Härte zu tun, auch wenn uns das jahrelang so verkauft wurde und viele genau deshalb glauben, sie müssten besonders kantig und unangreifbar auftreten, um ernst genommen zu werden.
Stärke zeigt sich in Klarheit, in einer inneren Haltung, die nicht ständig ins Wanken gerät, nur weil Gegenwind kommt, und vor allem in der Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, ohne sich selbst dabei zu verbiegen oder kleiner zu machen, als man eigentlich ist.
Und sie ist auch nicht laut, nicht dieses ständige Sich-beweisen-Müssen, nicht dieses Dominanzgehabe, das oft mehr Unsicherheit als echte Größe verrät, sondern etwas, das man spürt, wenn jemand einen Raum betritt, ohne ihn einnehmen zu müssen.
Was wir heute sehen, sind viele Frauen, die genau dieses alte Spiel gelernt haben, die sich angepasst haben, die versucht haben, in ein System zu passen, das nie für sie gemacht war, und die dabei oft ein Stück von sich selbst verloren haben, weil sie geglaubt haben, so funktionieren zu müssen.
Die Zukunft von moderner Führung braucht keine Frauen, die versuchen, bessere Männer zu sein oder alte Muster einfach nur perfektionieren. Sie braucht weibliche Führungskräfte, die den Mut haben, anders zu führen, auf ihre eigene Weise, mit Klarheit und mit Konsequenz. Ohne diese permanente innere Anspannung, dieses ständige Funktionieren, das irgendwann jede echte Verbindung zu anderen und zu sich selbst kaputt macht.
Und vielleicht liegt genau darin das, was wir als „streng“ empfinden, weil wir es nicht gewohnt sind, dass Frauen nicht mehr automatisch zustimmen, nicht mehr abfedern und nicht mehr alles weich formulieren, damit es angenehmer bleibt.
Vielleicht ist es nicht die Strenge, die stört, sondern die Tatsache, dass da jemand sitzt, der sich nicht kleiner macht, nur damit das Gegenüber sich größer fühlen kann.
Und wenn das für jemanden unangenehm ist, dann ist das kein Führungsproblem, sondern eher ein Hinweis darauf, dass sich die Spielregeln gerade verändern.
Die eigentliche Frage ist also nicht, ob Frauen zu streng sind.
Die eigentliche Frage ist, ob sie bereit sind, ihre Rüstung wieder abzulegen und eine Form von Führung zu leben, die nichts mehr mit Anpassung zu tun hat, sondern mit echter Klarheit, mit Haltung und mit sich selbst.
Das Buch für Frauen, die führen wollen, ohne sich zu verbiegen
Viele Frauen in Führung wurden nicht darauf trainiert, Raum einzunehmen, sondern angenehm zu sein. In diesem persönlichen Blogartikel erzähle ich, warum moderne weibliche Führung nichts mit Lautstärke, Dominanz oder Alpha-Theater zu tun hat und weshalb echte Stärke oft genau dort beginnt, wo Menschen aufhören, eine Rolle zu spielen.
Nett sein klingt harmlos. Fast sympathisch. In der Führung ist es aber oft genau dieses feine Ausweichen, das Entscheidungen verzögert, Gespräche verwässert und unglaublich viel Energie kostet. Besonders Frauen in Führung kennen diese Dynamik sehr gut.