Warum moderne weibliche Führung keine Lautstärke braucht
Viele Frauen in Führung wurden nicht darauf trainiert, Raum einzunehmen, sondern angenehm zu sein. In diesem persönlichen Blogartikel erzähle ich, warum moderne weibliche Führung nichts mit Lautstärke, Dominanz oder Alpha-Theater zu tun hat und weshalb echte Stärke oft genau dort beginnt, wo Menschen aufhören, eine Rolle zu spielen.
Nicht die Frau, die in Meetings sofort das Wort an sich gerissen hat. Nicht die, die mit breiter Brust und perfekt trainierten Ellenbogen durchs Unternehmen marschiert ist und schon beim Reingehen signalisiert hat: „Achtung, hier komme ich.“ Ehrlich gesagt saß ich früher oft in Besprechungen und dachte mir:
„Sag jetzt bloß nichts Falsches.“
Während andere längst gesprochen haben, obwohl man innerlich schon nach wenigen Sekunden gemerkt hat, dass da gerade sehr viel Selbstbewusstsein und eher überschaubar viel Inhalt unterwegs ist. Faszinierende Fähigkeit übrigens. Bewundere ich bis heute fast ein bisschen. 😄
Und trotzdem bin ich meinen Weg gegangen. Von der Buchhaltung bis in die erweiterte Geschäftsleitung. Als einzige Frau unter Männern. Mit Zweifeln, mit Angst, mit schlaflosen Nächten. Aber auch mit sehr viel Durchhaltevermögen und dem permanenten Gefühl, stärker sein zu müssen, als ich mich innerlich oft gefühlt habe.
Was ich dabei über moderne Führung gelernt habe?
Führung hat nichts damit zu tun, wer am lautesten ist.
Und genau deshalb sage ich heute: Führung braucht Eierstöcke.
Ja, bewusst provokant. Weil ich dieses alte Gerede von „Führung braucht Eier“ irgendwann nicht mehr hören konnte. Denn wenn man sich viele Unternehmen ehrlich anschaut, dann bedeutet dieses angeblich starke Führungsverhalten oft vor allem eines: Lautstärke, Kontrolle, Ego, Dominanz, endlose Machtspielchen und Menschen, die ständig beweisen müssen, wie wichtig sie sind.
Nur echte Stärke sieht für mich anders aus.
Echte Stärke zeigt sich nämlich oft nicht dort, wo jemand den Raum dominiert, sondern dort, wo jemand Verantwortung übernimmt, Klarheit schafft, Konflikte führen kann und trotzdem menschlich bleibt. Und genau das ist spannend, denn psychologisch betrachtet verwechseln wir Menschen Dominanz unglaublich oft mit Kompetenz.
Warum viele Frauen gelernt haben, sich kleiner zu machen
Studien zeigen seit Jahren, dass selbstbewusst auftretende Menschen automatisch kompetenter wahrgenommen werden, auch dann, wenn ihre tatsächliche Leistung gar nicht besser ist. Das erklärt übrigens auch, warum in vielen Meetings oft jene am meisten Raum einnehmen, die am wenigsten Selbstzweifel haben und nicht unbedingt jene mit den besten Ideen.
Und genau hier beginnt das eigentliche Problem vieler Frauen in Führung.
Denn viele von uns wurden nicht darauf trainiert, Raum einzunehmen. Wir wurden darauf trainiert, angenehm zu sein.
Nicht anzuecken.
Nicht zu emotional zu sein.
Nicht „zu viel“ zu wirken.
Nicht dominant zu wirken.
Nicht schwierig zu sein.
Das klingt harmlos, prägt aber massiv unser Verhalten. Denn unser Gehirn lernt durch Wiederholung. Wenn Mädchen über Jahre unbewusst vermittelt wird, dass Anpassung Sicherheit bedeutet und Harmonie wichtiger ist als Sichtbarkeit, dann entsteht daraus irgendwann ein automatisches Verhaltensmuster. Und genau dieses Muster sitzt später mit uns im Meetingraum.
Deshalb erleben viele Frauen etwas sehr Widersprüchliches:
Sie sind hochkompetent, hervorragend vorbereitet, reflektiert, verantwortungsbewusst und trotzdem zweifeln sie an sich selbst, bevor sie überhaupt den Mund aufmachen.
Ich kenne das nur zu gut.
Der Moment, in dem ich aufgehört habe, eine Rolle zu spielen
Früher dachte ich oft, ich müsste härter werden, um ernst genommen zu werden. Kühler, dominanter, mehr Businessmodus, mehr „Durchsetzungskraft“.
Weniger Emotion, weniger Menschlichkeit. Eben mehr so, wie man sich klassische Führung jahrzehntelang vorgestellt hat.
Bis ich irgendwann verstanden habe, wie unfassbar anstrengend es ist, permanent eine Rolle zu spielen, die gar nicht zu einem passt.
Denn Menschen spüren, ob jemand echt ist.
Mitarbeiter spüren sofort, ob eine Führungskraft nur versucht, Stärke darzustellen oder ob jemand wirklich innerlich klar ist. Und genau deshalb funktioniert moderne weibliche Führung heute auch anders als die alten Führungsmodelle, die fast ausschließlich auf Kontrolle, Hierarchie und Druck aufgebaut waren.
Menschen folgen langfristig nicht den Lautesten im Raum. Sie folgen Menschen, die Sicherheit geben. Und Sicherheit entsteht psychologisch nicht durch Angst, sondern durch Klarheit, Vertrauen und emotionale Stabilität.
Das bedeutet übrigens nicht Kuschelkurs, ganz im Gegenteil.
Führung mit Eierstöcken bedeutet nicht, jedem zu gefallen oder Konflikten auszuweichen. Es bedeutet, Klartext reden zu können, ohne Menschen kleinzumachen. Verantwortung einzufordern, ohne permanent Druck aufzubauen. Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie unbequem sind. Und manchmal bedeutet es auch, ehrlich zu sagen:
„Ich weiß gerade selbst nicht alles.“
Genau das habe ich früher für Schwäche gehalten. Heute weiß ich:
Das ist Stärke.
Denn wirklich unsichere Menschen versuchen oft perfekt zu wirken. Wirklich starke Menschen hingegen halten es aus, nicht perfekt zu sein.
Und vielleicht braucht diese Arbeitswelt genau deshalb nicht noch mehr Menschen, die sich wichtig machen, sondern endlich mehr Führungskräfte, die andere wachsen lassen.
Und jetzt mal ehrlich:
Wie oft hast du dich schon kleiner gemacht, obwohl du längst bereit gewesen wärst?
Wie oft hast du deine Meinung vorsichtiger formuliert, nur um bloß nicht arrogant zu wirken?
Und wie viel Energie verschwenden Frauen eigentlich jeden Tag damit, jemand zu sein, der sie gar nicht sind?
Das Buch für Frauen, die sich nicht länger kleiner machen wollen.
„Mit weiblichen Führungskräften arbeite ich ungern, die sind so streng.“ – Ein Satz, der viel verrät. Nicht über Frauen in Führung, sondern darüber, wie wir sie wahrnehmen. Und warum das so ist.
Nett sein klingt harmlos. Fast sympathisch. In der Führung ist es aber oft genau dieses feine Ausweichen, das Entscheidungen verzögert, Gespräche verwässert und unglaublich viel Energie kostet. Besonders Frauen in Führung kennen diese Dynamik sehr gut.